Das Haus

Geschichte


Warum trägt das Haus den Namen Geduld? Im 15. Jahrhundert, als das Haus gebaut wurde, hatten die Häuser noch keine Nummern, sondern Namen wie Eintracht oder Demut. Beliebt waren auch Namen aus der Tierwelt: Tiger, Pelikan, Schwan, Adler, oder aus der Pflanzenwelt: Tannenbaum, Ölbaum – es gab auch einen Engel, einen Eisberg oder einen Wilden Mann. Der Name „Zur Geduld“ entstammt offenbar dem moralistischen Gedankengut des frühen Pietismus, der im eher nüchternen Winterthur verbreitet war. Das Haus wird erstmals 1448 erwähnt. Es sei damals von einem Wirt bewohnt worden. Bereits damals war die Marktgasse das Zentrum der Aktivitäten der Stadt. Die meisten der angesehenen Bürger, aber auch die Klöster der Umgebung waren im Besitz eines Hauses an der Marktgasse. Im Lauf der ersten 250 Jahre hat die Geduld verschiedene Male den Besitzer gewechselt. 1690 hat der Eisenkrämer und Stadtrichter Hans Ulrich Biedermann die Liegenschaft gekauft. Er übernahm das Haus an der Marktgasse und das Hinterhaus an der Stadthausstrasse und liess beide Häuser weitgehend neu bauen. Die heutige Fassade an der Marktgasse 22 trägt die Jahreszahl 1717.
 
Die Geduld ist über Generationen im Besitz der Familie Biedermann geblieben. 1875 verliess die Familie die Geduld und übersiedelte nach Zürich. Sie war tief verärgert wegen der Eisenbahnpolitik des Winterthurer Stadtrates. Es ging um das Nationalbahnprojekt, das den Bodensee mit dem Genfersee hätte verbinden sollen, unter Umgehung des Wirtschaftszentrums Zürich. Die Bahn wurde teilweise gebaut, ging dann aber Bankrott und brachte die beteiligten Gemeinden, allen voran die Stadt Winterthur, an den Rand des finanziellen Ruins. Eine Persönlichkeit aus der Familie Biedermann, die in der Geduld gelebt hatte, sei an dieser Stelle kurz vorgestellt: Georg Heinrich Biedermann (1796 – 1876) betrieb im Haus zur Geduld ein Export-/Importhandelsgeschäft. Er war Domänenverwalter der Stadt Winterthur und gleichzeitig Mitglied des Zürcher Kantonsrates. Zudem war er der erste Verwaltungsratspräsident der „Bank in Winterthur“, aus der später die UBS hervorging. Als Politiker förderte er den Standort Winterthur als Eisenbahnverkehrsknotenpunkt zur Ostschweiz und war einer der Initianten für den Bau der Lagerhäuser beim Bahnhof.  Die Geduld blieb im Besitz der Familie Biedermann, bis sie im Jahr 1919 von Oskar Reinhart erworben wurde.